Beziehungskrisen, Sudererhügel und Orangen ohne Religion – Lesung von Rudolf Habringer in der Stadtbücherei Neumarkt am Wallersee

Gepostet am Aktualisiert am

Rudolf Habringer mit seinem neuen Roman in der Hand
Rudolf Habringer mit seinem neuen Roman in der Hand

In der kleinen oberösterreichischen Gemeinde Walding, einige Kilometer nordwestlich von Linz, lebt Rudolf Habringer. Der Schriftsteller und Kabarettist besuchte am 28. Oktober 2014 die Stadtbücherei in Neumarkt am Wallersee, las aus seinem neuen Roman „Was wir ahnen“ und unterhielt im zweiten Teil des Abends die Besucher als wortwitziger, singender Kabarettist und Imitator verschiedenster Charaktere.

Was wir ahnen
In „Was wir ahnen“, dem neuesten Roman des Schriftstellers, der bereits etwa 15 Bücher geschrieben hat, geht es um außereheliche Beziehungen und Affären. Zwei Morde sind seinen Worten nach nur Beiwerk und machen den Roman trotzdem nicht zu einem Krimi. Die Psychotherapeutin Verena versucht den Mord an ihrem Mann aufzuklären und die Linzer Politikergattin Katharina hat als Geheimnis gegenüber ihrem Mann das „Kuckuckskind“ Sandra von einer ihrer Jugendlieben. Der Roman besteht aus Episoden von Lebensgeschichten von insgesamt 16 Personen, die miteinander verwoben sind, sich aber nicht näherkommen. Nur der Leser behält dabei den Überblick und erkennt deren Beziehungen.

Rudolf Habringer begleitete sich selbst beim Gesang mit Musik
Rudolf Habringer begleitete sich selbst beim Gesang mit Musik

Geldtöpfe aus Brüssel holen und Hansi Orsolics sprach von keinem Zweitbuch
Im zweiten Teil des Abends entfaltete Habringer dann sein wahres Talent. Nämlich sein herausragendes Talent als Kabarettist. Eine besondere Begabung von ihm dabei ist die stimmliche und sprachliche Darstellung von verschiedensten Charakteren. Egal, ob er einen Mühlviertler zitierte, einen Wiener imitierte, einen Ghanesen (der erstaunt erfuhr, dass Baumeister Lugner in Östereich wichtiger als Mozart oder Goethe ist) oder den Akzent und die Redewendungen eines eingebürgerten türkischstämmigen Jugendlichen zum Besten gab – die Zuhörer meinten, die jeweilige Person läse gerade selbst.

Bei „Töpfe in Brüssel“ sinniert ein Oberösterreicher am Würstelstand darüber, dass er von Geldtöpfen in Brüssel gehört habe. Er wäre schon bereit nach Brüssel zu fahren und diese, wie er sich vorstellt, in einer Halle am Stadtrand von Brüssel gelagerten Geldtöpfe zu holen. Denn damit könnte man die dahinsiechende Skifahrernation-Tradition Österreichs neu beleben. Zwar könnten auch Hallenbäder gebaut werden, aber Österreich war doch nie eine Hallenbadnation. Besser mit dem Geld Skihallen bauen. Seine Freunde müssten dann nicht mehr nach Hamburg fliegen, um in der dortigen Skihalle das Skifahren zu lernen. Darüber hinaus könnte man, wenn es mehr Skihallen in Österreich gäbe, auch den Asylwerbern darin das Skifahren beibringen. So wären die Hallen ausgelastet.

Büchereileiterin Ilse Karrer bei ihren Dankesworten

Auf einem Sportplatz steht am Rand ein Schild mit der Aufschrift „Sudererhügel“. Von dort aus kommentiert ein Fußballfan ein Spiel des absteigenden örtlichen Fußballvereins. Anfangs wusste er genau, dass sie das Spiel gewinnen würden – „wett‘ ma?“. Schließlich ging das Spiel aber für den Verein verloren: „hob i jo glei gsogt, dass ma valiern. Warum hob i nur net gwett?“ meint nun der Fan am Sudererhügel.

Der österreichische Staatsbürger und gebürtige Türke Cem möchte dem Österreicher Ferdinand eine Orange aus der Türkei zum Kosten geben. Dieser weigert sich jedoch als guter Katholik eine islamische Orange zu essen. Orangen hätten doch keine Religion, meint Cem und fragt Ferdinand, was er vom Nikolaus hielte. Ferdinand sieht in ihm eine durch und durch katholische Figur. Auf den Hinweis von Cem, dass Nikolaus aus Myra stamme, das heute in der Türkei liegt, wird Ferdinand aggressiv und meint schließlich, er ließe sich vom Islam nicht vereinnahmen und für Propagandazwecke (Orange kosten) missbrauchen.

Ein Wiener, gefragt zum Thema, ob er ein „Zweitbuch“ besäße, beginnt von der österreichischen Boxer-Legende Hansi Orsolics zu schwärmen. Er erinnere sich an ein Interview von Sigi Bergmann mit Orsolics, im dem der Boxer auf die Frage, was er denn so privat an Hobbies hätte, antwortete, dass er gerne ein Buch liest. Da Orsolics allerdings in diesem Interview nur von einem Buch sprach, konnte der Wiener nichts zum Thema „Zweitbuch“ beitragen.

Stadtbibliothek  Neumarkt am Wallersee
die Stadtbibliothek war bis auf den letzten möglichen freien Platz gefüllt

Vom Glück singend und eine PISA-Kostprobe
Im „Hotline Blues“ sang Rudolf Habringer davon, dass einer in der Warteschleife einer Hotline erkannte, was die Bedeutung dieser Hotline sei: man laufe „heiß“ dabei. Und schließlich berichtete Habringer noch von einem saufenden Liedtexter, der nach Brainstorming zum Wort „Liebe“ einen Liedtext über „ich und du“, „Liebe“, „Glück“ und „Traum“ schrieb. Habringer ersparte dem sich ausgezeichnet unterhaltenden Publikum nicht, diese Text auch noch vorzusingen. Mit einem PISA-Text – „Da ist die Weihnachtskrippe. Da ist der Esel. Da ist die Maria. Da ist der Josef. Da ist das Jesu-Kind. Da sind die Könige. Einer und noch einer … das sind … drei …“ – ging die letztlich amüsante Lesung von Rudolf Habringer zu Ende, die von Büchereileiterin Ilse Karrer und ihrem Team organisiert worden war. Sie versorgten auch alle Besucher mit einem guten Glaserl Wein.

Epilog
Wer Rudolf Habringer selbst erleben möchte, hat am Freitag, den 12. Dezember 2014, in Salzburg noch eine Gelegenheit. Zusammen mit Eberhard Haidegger und Fritz Popp liest er um 19:30 Uhr im Salzburger Literaturhaus „… und dann zünden wir den Christbaum an“.

Der Roman
„Was wir ahnen“
Rudolf Habringer
2014 erschienen im Picus Verlag, Wien, 312 Seiten

Weitere Bilder des Abends siehe hier

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