„Kunstprojekt Einwurf“ in Neumarkt am Wallersee in Gedenken an Georg Rinnerthaler

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Kunstprojekt Einwurf, Skizze des Künstlers Bernhard Gwiggner für die geplanten Aktionen „Einwurf“ in der Flachgauer Stadt Neumarkt am Wallersee. Copyright Bernhard Gwiggner/Peter Krackowizer

Salzburg | Flachgau | Neumarkt am Wallersee | 30.  April 2022 | Als der Neumarkter Gasthofbesitzer Georg Rinnerthaler und sein Sohn Johann nach einem Jahr Haft im KZ Dachau 1939 nach Neumarkt zurückkehrten, warfen Neumarkter Nationalsozialisten alle Fensterscheiben seines Gasthofes ein.  Im Rahmen eines sechsjährigen Projektes im Bundesland Salzburg „Orte des Gedenkens“ startet die Flachgauer Stadt Neumarkt am Wallersee am 7. Mai 2022 mit einem „Einwurf“-Projekt in Gedenken an jene Tat.  Am Dienstag, den 26. April 2022, fand zu diesem Kunstprojekt Einwurf eine Informationsveranstaltung im Gasthaus Gerbl statt.

Orte des Gedenkens und der Erinnerung

Vor drei Jahren hatte der Salzburg Landtag beschlossen, von 2022 bis 2027 in Erinnerungsorten an Widerständige in den Jahren der NS-Herrschaft in alle sechs politischen Bezirken des Bundeslandes Salzburgs Projekte durchzuführen.  Dr.in phil. Hildegard Fraueneder, Lehrbeauftragte für Kunstgeschichte an österreichischen Universitäten und seit 2011 im Department für Bildende Künste und Gestaltung der Universität Mozarteum und ihr Kollege des Projektteams, Mag. Dr. Robert Obermair, wissenschaftlicher Mitarbeiter und Universitätsassistent für Zeitgeschichte an der Paris-Lodron-Universität Salzburg, waren zur Informationsveranstaltung nach Neumarkt gekommen. Wie Dr.in Fraueneder erläuterte, sollen bei dem Projekt das gesamte Land Salzburg einbezogen, alle Facetten des Widerstands in der NS-Zeit beleuchtet und Schulklassen in die Projektarbeiten miteinbezogen werden. Ein weiterer wichtiger Punkt ist jeweils ein künstlerisches Projekt, das ein Jahr lang in dem betreffenden Erinnerungsort stattfinden soll. Alle Projektteile sollen sich mit dem Blick von heute an das Thema annähern, weil sich die Erinnerung verändert.

Kunstprojekt Einwurf, Präsentation im Gasthaus Gerbl von links: Bernhard Gwiggner, Künstler, Ingrid Weese-Weydemann MAS und Dr.in phil. Hildegard Fraueneder.

Projekt Einwurf

Der Auftakt des landesweiten Projekts wird 2022 in Neumarkt am Wallersee stattfinden. Nach einem Wettbewerb hatte sich die Jury unter dem Vorsitz von Katharina Blaas-Pratscher (Amt der Niederösterreichischen Landesregierung, Sankt Pölten, Abteilung Kultur und Wissenschaft) für die Einreichung des bildenden Künstlers Bernhard Gwiggner entschieden. Sein Kunstprojekt soll an den widerständigen Georg Rinnerthaler in Neumarkt am Wallersee erinnern.

Die Verhaftung des Georg Rinnerthaler am 12. März 1938 von den örtlichen Nationalsozialisten. Bildquelle Museum Fronfeste, Neumarkt am Wallersee.

Georg Rinnerthaler, der ein Gegner der Nationalsozialisten war, wurde als Ortsleiter der Vaterländischen Front nach dem Anschluss im März 1938 zusammen mit seinem Sohn Johann verhaftet und in das KZ Dachau eingeliefert.  Als die beiden am 15. März 1939 wieder nach Neumarkt zurückkamen, zerschlug man in der darauffolgenden Nacht alle Fenster seines Gasthofes – dem damaligen Protokoll nach 51 Scheiben. Georg Rinnerthaler wurde unter Hausarrest gestellt. Danach stellte ihm der NS-Ortsgruppenleiter ein Ultimatum: Er habe bis Mai sein Hab und Gut zu verkaufen, andernfalls würde er wieder interniert. Zwar kam er um einen Verkauf herum und verpachtete sein Gut. Aus Neumarkt wurde er aber vertrieben, er kam in Freilassing unter, wo er bis 1945 blieb.

Erster Termin in Neumarkt ist der 7. Mai 2022

Bernhard Gwiggner, der bei der Informationsveranstaltung, anwesend war, erläuterte sein Projekt des Fensterscheiben-Einwerfens. Beginnend mit Samstag, den 7. Mai 2022 (Beginn 14 Uhr vor dem Schanzhaus bei der Stadtpfarrkirche), sollen bis Jahresende 51 Scheiben eingeschlagen werden. Und zwar jeweils von einem Paar, das beiden Situationen erleben wird: Zunächst wirft einer der beiden eine Scheibe ein, hinter der die zweite Person in einem Sicherheitsabstand hinter einer zweiten „Fensterscheibe“ steht. Anschließend werden die Rollen getauscht. Somit sich beide in die Rolle des Täters und des Opfers hineinfühlen können.

Weitere Termine werden folgen.  Es soll auch transparente Folien für alle Neumarkter geben, die das Geschehen darstellen. Diese kann zu Hause an die Fensterscheiben heften. So jedenfalls ist es die Idee des Künstlers.

Der Gasthof Rinnerthaler in Neumarkt am Wallersee 1936. Quelle Ausstellungskatalog Von Hier. Und Dort. Geschichte(n) von Migration und Integration im Salzburger Land“, Publikationsreihe Fronfeste Nr. 12, 2016

In der Rinnerthaler-Passage, die durch das Gebäude des ehemaligen Gasthofs Rinnerthaler zum dahinterliegenden Rinnerthaler-Parkplatz am Statzenbach führt, wird das Projekt in den dortigen Schaukästen dokumentiert werden. Bereits jetzt gibt es in zwei dieser Schaukästen geschichtliche Informationen, u. a. über den verheerenden Marktbrand von 1879.

Reaktionen der Anwesenden

KR Karl Lettner meinte, man müsse die „ganze Geschichte“ kennen, um sie beurteilen zu können. Er erläuterte die Zeit vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten, die Kämpfe der Heimwehr gegen die Vaterländische Front. Letztlich gab es keinen Widerstand mehr und die Kommunisten wurden ausgerottet, so Lettner. Sympathisanten der Heimwehr traten in den Dörfern diese Aktionen los. Man sollte nicht wieder Gräben aufreißen, die zugeschüttet wurde, meinte Lettner.  Dr.in Fraueneder erwiderte, dass das Zuschütten von Gräben noch lange nicht bedeutet, dass die Geschichte aber auch aufgearbeitet wurde. Und dazu diene das Kunstprojekt Einwurf.

Herbert Hurer, Obmann des Kameradschaftsbundes, hinterfragte nochmals den genauen Standort des Scheibeneinwerfens. Er möchte, dass der Gedenkort Kriegerdenkmal nicht in Zusammenhang mit dieser Aktion steht. – Das Kunstobjekt findet zwischen dem Haus Katharina und der Schanzwall-Mauer statt, so die Antwort darauf.

In der Bildmitte unten vor der Schanzwall-Mauer wird der Standort des Kunstprojekts Einwurf sein. Links das Kriegerdenkmal, rechts das Haus St. Katharina. Archivbild 2017.

Der Neumarkter Stadtschrei(b)er fragte den Künstler, ob er mit seinem Kunstprojekt  nicht unerwünschte Aktionen provoziert? Die Provokation, so Bernhard Gwiggner, ist Realität und kein Widerspruch – „dahinter stehen wir“ meinte er.

Stadtpfarrer Dr. Gottfried Laireiter schilderte anhand eines eigenen Erlebnisses mit Corona-Demonstranten in der Salzburger Innenstadt, wie gefährlich Emotionen werden könnten und wie schnell sich Feindbilder entwickeln.

Ähnliche Gedanken hatten Bürgermeister DI Adi Rieger. Er regte an, Zeitungsmeldungen mehr zu hinterfragen. „Wir wollen diese Zeit nicht mehr erleben“, so Adi Rieger. Sorge mache ihm, dass es auch in Neumarkt gewaltbereite Jugendliche gibt. Er stellte die Frage in den Raum, was man dagegen unternehmen könnte.

Gesucht werden noch „Täter und Opfer“

Für die Veranstaltungen werden noch Personen gesucht, die sich als „Täter“ und „Opfer“ für das Kunstprojekt Einwurf zur Verfügung stellen.

Weitere Informationen über das landesweite Projekt „Orte des Gedenkens“ gibt es im Internet unter https://www.ortedesgedenkens.at/

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