„Raststation Tarnantone“, das Neumarkt der Römerzeit wurde entdeckt

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Archäologische Grabungen in Pfongau
Pressekonferenz in der Fronfeste, von links: DI Adi Rieger, Bürgermeister von Neumarkt am Wallersee, LHStv. Dr. Heinrich Schellhorn, Dr. Raimund Kastler, Landesarchäologe, Dr. Felix Lang, Universität Salzburg und Ingrid Weydemann, MAS, Museumsleiterin

Salzburg | Flachgau | Neumarkt am Wallersee | Wo genau liegt Tarnantone? Dahinter verbirgt sich die erste römische Raststation östlich von Iuvavum (Salzburg) auf dem römischen Hauptverkehrsweg nach Osten, nach Ovilava (Wels). Dieser „weiße Fleck“ auf der Landkarte des Imperium Romanum beschäftigte die Wissenschaft seit mehr als 100 Jahren. Nun endlich fanden Salzburger Archäologen mit Hilfe von modernsten geophysikalischen Messverfahren die Lösung, nämlich mitten auf der grünen Wiese südwestlich des Ortschaftszentrums von Pfongau in Neumarkt am Wallersee.

Eine grüne Wiese birgt ein geschichtliches (Stadt)Geheimnis


Gottlieb Eppl senior sammelte so allerlei „Alteisen“ auf seinem Feld zwischen der Umfahrungsstraße Neumarkt und dem Ortschaftszentrum Pfongau. Und legte es in seine Alteisensammlung. Bis Archäologen auf diese Sammlung aufmerksam und fündig wurden. Sie untersuchten das Fundfeld und glaubten einen zweiten römischen Gutshof entdeckt zu haben. Dann ruhten jedoch weitere Grabungen in diesem Bereich und konzentrierte sich von 2008 bis 2019 auf den bereits bekannten und teilausgegrabenen Gutshof im Pfongauer Gewerbegebiet.

Zurück zur römischen Raststation. Die Lage der Straßenstation ist durch die Tabula Peutingeriana belegt, eine mittelalterliche Kopie einer antiken Karte des römischen Imperiums. „Klar war, dass diese sich auf Neumarkter Gemeindegebiet befinden muss. Der genaue Verlauf der Römerstraße war aber bisher in dieser Region nicht bekannt. Durch archäologische, geophysikalische Prospektionen konnte Tarnantone nun lokalisiert werden“, erklärt Landesarchäologe Raimund Kastler.

Tabula Peutingeriana Ivavo
Tabula Peutingeriana Ivavo, Ausschnitt: der rote Kreis markiert Iuvavum (Stadt Salzburg), die nach Nordosten (rechts) verlaufende Straße ist die Römerstraße nach Wels (Bildquelle commons.wikimedia.org Ulrich Harsch Bibliotheca Augustana)

Ochsenkarren und Meilensteine bestimmten den Verlauf  von Römerstraßen

Für die Organisation und Regierung der Provinzen des römischen Reiches war die Straßeninfrastruktur ein wesentliches Mittel. In geregelten Abständen wurden Stationen für den Reiseverkehr angelegt. Die Distanzen dazwischen orientierten sich an der Tagesleistung eines Ochsengespanns (zwischen 20 und 25 Kilometer), dem wichtigsten Transportelement der Antike. Diese erfüllten Funktionen ähnlich einer modernen Autobahnraststation, also Pferdewechsel, Reparaturen, Übernachtung, Hygiene und Verpflegung. Gelegentlich siedelten sich rundherum weitere Gewerbe an und zusätzliche Bauten wurden errichtet, wodurch diese Stationen dann den Charakter einer Straßensiedlung erhielten.

Lage von Tarnantone
Lage von Tarnantone: links auf der Karte kennzeichnet das blaue Quadrat den Fundort, rechts auf der Karte: gelber Streifen die Römerstraße, die Rechtecke sind Fundamente von Bauten und die orangen Punkte Geländeunebenheiten (Auswertung der geomagnetischen Messungen).

Römische Meilensteinfunde belegen, dass die heutige Wiener Straße (B 1) in weiten Teilen der bis in die Neuzeit genutzten Römerstraße entspricht. Zwischen Henndorf am Wallersee und Straßwalchen ist der Verlauf allerdings durch die planmäßige Gründung Neumarkts im Jahr 1240 durch den Salzburger Erzbischof Eberhard II. von Regensberg vollkommen verändert. 1992 wurde man erstmals auf die Fundstelle am Feld in Pfongau aufmerksam, interpretierte diese aber als weiteren Gutshof. Mit Förderung des Bundesdenkmalamtes wurden nun im Oktober 2019 abermals geophysikalische Messungen durchgeführt. Dabei zeigte sich, dass die Baureste an einer rund zehn Meter breiten linearen Trasse, wohl der antiken Römerstraße, angelegt sind. An dieser Straße konnten die Archäologen eine Gruppe von Gebäuden identifizieren, darunter auch ein rund 100 Meter langes rechteckige Gebäude – wahrscheinlich der Pferde- und Ochsenkarrenstall. Derartige Raststationen boten Platz für 40 bis 50 Personen. Besonders im Herbst waren sie stark frequentiert, da Ernten und Saatgut in die Städte gebracht werden mussten. In unserem Fall nach Iuvavum (Stadt Salzburg) oder vielleicht auch Ovilava (Wels).

Mit der Identifikation von Tarnantone und der Möglichkeit zur weiteren Verfolgung des Straßenverlaufs kann der Salzburger Anteil der Römerstraße zwischen Iuvavum und Ovilava nun endlich vollständig erforscht werden“, so Landesarchäologe Kastler.

Villa rustica in Pfongau
Eine mögliche Darstellung des in Pfongau ausgegrabenen Guthofs (Darstellung im Museum in der Fronfeste).

Wo die Oberschicht wohnte

Nicht weit von der Tarnantone entfernt, nämlich nur rund 1,2 Kilometer nordöstlich, befindet sich der römische Gutshof von Pfongau, der seit 2008 bis 2019 durch die Landesarchäologie am Salzburg Museum und die Universität Salzburg untersucht wurde. Die Auswertung der Funde sowie Radiokarbonanalysen zeigen, dass die Villa rustica vom ersten bis in das vierte Jahrhundert genutzt wurde. Zudem wurden prähistorische Besiedlungsspuren sowohl aus der Bronze-, als auch der Eisenzeit festgestellt. Gehortete Metallobjekte, aber auch ein Schwert verweisen auf unruhige Zeiten im 3. Jahrhundert, die zum Niedergang des Anwesens beigetragen haben könnten. Einzelne Objekte wie ein bereits in den späten 1980er-Jahren gefundenes Parfümgefäß in Form eines menschlichen Kopfes, kleine Fragmente eines Silberbechers, aber auch Bronzestatuetten zeugen vom Wohlstand der einstigen Besitzer, die sicher zur Oberschicht der Region gehörten. Berühmtester Fund war 2017 die nur wenige Zentimeter große (kleine) Statue von „Thetis und Achill“. 2013 hatte man schon die „Venus von Neumarkt-Pfongau“, eine kleine Bronzestatuette, entdeckt.

Ausgrabungsfunde
Ausgrabungsfunde: links ein Parfümgefäß in Form eines menschlichen Kopfes, oben daneben die Venus und dann Thetis und Achill.
Zügelring
Der Zügelring aus Nordfrankreich.

Man grub zwei Ziegelbrennöfen aus und fand Ziegelsteine mit Tierpfotenabdrücken darauf. Sie stammten von Jungschafen und Katzen, wobei letzteres bemerkenswert ist, da die Katze erst von den Römern über die Alpen gebracht worden war. In einem Grab aus der La-Tène-Kultur (etwa 450 v. Chr. bis Christi Geburt) fand man Tontöpfe. Es war dies das erste Grab aus dieser Zeit, das man im Nordflachgau entdeckte.

Der Fund eines Zügelringes eines Pferde- oder Ochsengeschirrs war besonders bemerkenswert. Denn diese Art von Zügelringen wurde nur in Nordfrankreich hergestellt. Das bedeutet, dass man damals bereits einen europaweiten Handel betrieben hatte.

Insgesamt waren in zwölf Jahren elf Gebäude mit Steinfundamenten aus dem 2. und 3. Jahrhundert nach Christus in Pfongau ausgegraben worden. Unter anderen waren es eine Badeanlage, Speicher, Unterkünfte für Landarbeiter, Schmiede und Wagnerei, eine Darre zum Trocknen von Fleisch, Getreide und Früchten sowie eine Ziegelei.

Fragen, die vielleicht zukünftige Grabungen beantworten können

römisches Schwert
Römisches Schwert Ende 2., Anfang 3. Jahrhundert nach Christus.

Man hatte festgestellt, dass der römische Gutshof in Pfongau im 3. oder 4. Jahrhundert nach Christus aufgegeben worden war. Bei Funden fand man Rauchspuren, die auf einen Brand deuten könnten. Zu jener Zeit fanden neben starken klimatischen Veränderungen (was man an Hand von Bodenproben aus der Tiefen nachweisen konnte) auch Machtkämpfe der römischen Soldatenkaiser statt, die zu Unruhen in den Provinzen führten. Der Fund eines Schwertes aus dem 3. Jahrhundert gibt den Wissenschaftlern Rätsel auf: Gab es kriegerische Auseinandersetzungen im nördlichen Flachgau oder diente es zur vorsorglichen Verteidigung?

Durch den Fund von Tarnantone und einer daneben schnurgerade verlaufenden römischen Straße möchten die Wissenschaftler auch noch den genauen Verlauf der Römerstraße zwischen dem Eggerberg, wo ein römischer Meilenstein gefunden worden war und Straßwalchen, wo ebenfalls der Verlauf der Römerstraße nachgewiesen ist.

Ein herzlicher Dank galt allen, die die Grabungen in Pfongau unterstützt hatten

Mit der Grabung im Sommer 2019 sind vorerst archäologische Grabungen in Neumarkt am Wallersee abgeschlossen. Die beiden Grabungsleiter, der Salzburger Landesarchäologe Dr. Raimund Kastler und sein Kollege Dr. Felix Lang von der Universität Salzburg bedankten sich am 30. Oktober 2019 bei einer Pressekonferenz im Museum Fronfeste (Neumarkt am Wallersee) für die großartige Unterstützung bei den Grundbesitzern, bei der Stadtgemeinde Neumarkt am Wallersee in persona bei Bürgermeister Adi Rieger und Landeshauptmann-Stv. Heinrich Schellhorn, der bei der Pressekonferenz anwesend war für die großzügige Förderung durch Gemeinde und das Land Salzburg. Ihr Dank galt auch dem Bundesdenkmalamt, der Universität Salzburg, der Museum Fronfeste und den Forschungspartnern Universität Innsbruck, ETH Zürich, Veterinärmedizinischen Universität Wien, Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) in Wien und Posselt & Zickgraf Prospektionen in Marburg.

Die Unterstützer der Grabungsarbeiten 2008 bis 2019.

Was bringt die Zukunft?

Nun müssen erst einmal zwölf Koffer voll Funden und unzählige Dokumentationen ausgewertet werden. In drei Jahren soll dann eine umfassende Dokumention der Grabungen in Pfongau erscheinen kündigte Dr. Lang an. Und Ingrid Weydemann ergänzt mit dem kryptischen Hinweis, dass ja dann vielleicht eine große Sonderschau in – einem neuen (!) – Museum stattfinden könnte.

Weitere Bilder von der Pressekonferenz gibt es unter diesem Link.

Eine Zusammenfassung der Ausgrabungen sowie Bilder von Grabungsaktivitäten und -funden gibt es im Salzburgwiki unter diesem Link.

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