Zivilcourage: Handeln und Widerstand – Thema der Sonderausstellung 2017 im Museum Fronfeste

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Fluchtroute mittels QR verfolgen: Landeshauptmann Dr. Wilfried Haslauer lässt es sich von Museumsleiterin Ingrid Weydemann MAS erklären, neben ihr Bürgermeister DI Adolf Rieger und Stadtrat Johann Sommerer

Flachgau | Neumarkt am Wallersee | 9. Mai 2017 | März 1938: der Neumarkter Georg Rinnerthaler wird als erbitterter Nazi-Gegner verhaftet. Schwer gezeichnet von der KZ-Haft kehrte er in ein von den Neumarkter Nazis geplündertes Haus zurück. Pfarrer Josef Hausberger wurde auf offener Straße von einem Nazi geohrfeigt. „Dann war es mit der Sympathie meiner Großmutter für das Regime endgültig aus“ erzählte der in Neumarkt aufgewachsene Landeshauptmann Dr. Wilfried Haslauer anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „Zivilcourage erinnern erkennen erleben“ am 6. Mai 2017.

Alle Bilder von der Ausstellungseröffnung siehe diesen Link.

Zivilcourage ist Menschlichkeit

Das Bild an der Wand zeigt den Neumarkter Georg Rinnerthaler bei seiner Verhaftung.

Zivil, so steht es im Fremdwörterlexikon von Richard von Kienle (Ausgabe 1964), bedeutet bürgerlich, umgänglich, gesittet; die Zivilisation ist das Gegenteil von Barbarei, es ist ein bürgerlich-gesittetes Leben; „Courage“, so das französische Wort für Mut und „couragiert“ heißt beherzt.
In der Ausstellung im Museum in der Fronfeste in der Flachgauer Stadt Neumarkt am Wallersee geht es also um Beispiele von Menschen, die sich der Barbarei in den Weg stellten und nach ihrem Herz handelten. Für viele hieß es den Tod oder wie im eingangs erwähnten Beispiel von Rinnerthaler Haft und Diebstahl seines Eigentums. Sein Enkel Hans-Jörg Rinnerthaler stellte Dokumente seines Großvaters für die Ausstellung zur Verfügung.

Landeshauptmann Dr. Wilfried Haslauer erläutert seine Ansichten zum Thema Zivilcourage. Im Hintergrund links Andreas Bratzsdrum, 2. Bürgermeister der bayerischen Stadt Tittmoning im Rupertiwinkel.

Zivilcourage und Recht

Mit dieser Ausstellung wird ein wichtiger Beitrag zur Vergangenheitsaufarbeitung und Vergangenheitsbewältigung geleistet. Anhand der Biografien ausgewählter Personen wird für die Besucherinnen und Besucher besonders deutlich, was zivilcouragiertes Handeln und Widerstand zu bewirken vermögen„, sagte Landeshauptmann Dr. Wilfried Haslauer. Und er erinnerte sich an die Erzählung seiner Großmutter in Bezug auf Pfarrer Hausberger. Dieser ebenfalls dem Naziregime kritisch gegenüber gestandene Geistliche wurde für seine Zivilcourage schikaniert und geschlagen.

Dr. Haslauer sprach auch das rechtlich-moralische Spannungsfeld an, in dem sich Richter zur Zeit des Nationalsozialismus befunden hatten. Sie mussten Recht sprechen nach Gesetzen der Nationalsozialisten, das wohl aber oft auch Unrecht im Sinne der Zivilcourage war. Sie wurden nach Ende des Krieges auch nicht verurteilt, da sie rechtlich gesehen, kein Unrecht begangen hatten.

Ein interessiertes Publikum bei der Ausstellungseröffnung.

„Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht“

Diese Worte schrieb einst Bercht Brecht. Und das dürfte sich wohl auch Paul Watzlawick, ein leiser Widerstandskämpfer, gedacht haben. Der 1921 geborene Kärntner wurde nach seinem Schulabschluss 1939 zum Reicharbeitsdienst (RAD) in Neumarkt am Wallersee eingezogen. Der RAD hatte seinen Standort im Bereich des heutigen Sportplatzes. Nach seiner Ausbildung 1943 zum Wehrmachtsdolmetscher für die englische Sprache musste er den Nationalsozialisten bei Verhören von gefangengenommenen alliierten Soldaten übersetzen. Je mehr Watzlawick von den jungen britischen und amerikanischen Gefangenen erfuhr umso mehr wuchs sein Verständnis und seine Sympathie für sie. Er übersetzte ihre Aussagen immer öfter unvollständig, bis dies 1945 entdeckt und er verhaftet wurde. Das baldige Kriegsende brachte seine Befreiung.

Später studiert er Philosophie. Er publizierte Werke in den Bereichen Kommunikationstheorie und Psychotherapie (z. B. „Anleitung zum Unglücklichsein“, „Vom Schlechten des Guten“ oder „Die Möglichkeit des Andersseins“ ).

Bei der Thematik Flucht über das Mittelmeer: von links: Ingrid Weydemann MAS, LH Dr. Wilfried Haslauer, BM DI Adi Rieger, Waltraud Jetz-Dieser, Gerbereimuseum Tittmoning und Andreas Bratzdrum, 2. Bürgermeister von Tittmoning.

Zivilcourage – erinnern. Erkennen. Erleben.

Die Ausstellung, die bis Ende Oktober 2017 in Neumarkt am Wallersee zu sehen ist, befasst sich aber auch mit aktuellen Ereignissen wie dem Flüchtlingsstrom am Land- und Seeweg. Eine geografische Karte auf einem Fußboden lässt den Besucher die Wege der Flüchtlinge verfolgen. QR-Codes im Boden zeigen dem Betrachter Bilder von der Route, von Lagern und anderen Fluchtereignissen. Ein kleines Boot und Schwimmwesten geben einen Eindruck von der Flucht über das Mittelmeer. Bei „Migration der Dinge“ geht es darum, woher eigentlich das Sandwich, der Fußball oder die Jeans kommen und weshalb wir diese Dinge heute als „einheimisch“ betrachten.

von links: Bürgermeister DI Adi Rieger, Landeshauptmann Dr. Wilfried Haslauer und Museumskustodin Ingrid Weydemann MAS bei der Eröffnung.

Wie Museumsleiterin und Kuratorin der Ausstellung Ingrid Weydemann MAS in einem Gespräch mit ORF-Redakteurin Renate Lachinger sagte, sorgt die Erinnerung an die Ereignisse während der Zeit des Nationalsozialismus noch heute für Zündstoff in Neumarkt. 72 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs ist das Thema Zivilcourage also nach wie vor hochaktuell.

Information: Homepage Museum in der Fronfeste

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