Bei Ukrainern, Syrern und Somaliern – ein Besuch im Asylquartier Rieger

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Abdul Rzak Al Hmad Asylquartier Rieger
Abdul Rzak Al Hmad beim Staubsaugen

Salzburg | Flachgau | Neumarkt am Wallersee | Im September 2014 wurde es ruchbar: ein neues Asylquartier soll in Neumarkt am Wallersee entstehen. Bei einer Informationsveranstaltung des Landes Salzburg gingen die Emotionen hoch. Ein ehemaliger Gendarm warnte vor „Russen und Tschetschenen in einem Haus“ und ein anderer pensionierter Polizist meinte, „dass das Betteln losgehen wird“, ja und erst der Lärm, wenn die Flüchtlinge auf der geschotterten Zufahrtsstraße mit ihren Autos hin und her fahren!

Gründe genug, dass sich der Stadtschrei(b)er die Sache und das Quartier einmal näher anschauen wollte

Zunächst einmal möchte er erwähnen, dass die Asylwerber nicht mit eigenen Autos kamen oder fahren und dass der Zufahrtsweg asphaltiert ist. Aber diese Vorurteile waren auch von den skeptischen Anrainern schnell ausgeräumt – sie merkten es nämlich gar nicht als am 15. Oktober 2014 die ersten Asylwerber eintrafen, bei Tag, ohne eigene Autos und ganz gesittet. Mittlerweile leben 28 Menschen im Haus Rieger, das von Gertraud Rieger betreut wird: je acht Somalier und Ukrainer sowie zwölf Syrer. Jede Volksgruppe hat ihr eigenes Stockwerk mit eigener Küche, WC und Bad.

Gertraud Rieger Ayslquartier
Gertraud Rieger in der Küche der Syrer

„Wenn man nicht sozial eingestellt ist, kann man das nicht machen“

Schuhe abputzen hieß es beim Eintreten für den Stadtschrei(b)er, denn im Vorzimmer des Erdgeschoßes sorgt gerade Abdul Rzak Al Hmad mit dem Staubsauger für Sauberkeit. Nach einem Rundgang durch das Haus, vielem Händeschütteln und freundlichen „wie geht es dir?“ vonseiten der Asylwerber, setzten sich Gertraud Rieger und der Stadtschrei(b)er an den syrischen Tisch im Erdgeschoss zum Plaudern. Sie ist vier Mal die Woche für einige Stunden im Haus. Das kann bei Neuankünften auch häufiger oder länger sein, erzählte sie. Durchschnittlich verbringt sie mit Arbeiten im Haus, Einkaufsfahrten mit den Asylwerbern, Gesprächen, Telefonaten, Begleitungen zu Arztterminen und anderen Hilfestellungen für ihre Bewohner, rund 30 Stunden pro Woche. Der Zeitaufwand wird von vielen Außenstehenden unterschätzt und „wenn man nicht sozial eingestellt ist, kann man das nicht machen“ meinte sie. Da wäre das Vermieten, wie sie ursprünglich nach der Renovierung des Hauses dachten, wohl einfacher gewesen. Aber als sie im Sommer 2014 hörten, dass Asylquartiere gesucht werden, entschieden ihr Mann und sie sich für Asylwerber.

Ayslquartier Rieger
bei den Somaliern von links: Besuch aus dem Asylquartier Gerbl, Abdul Rachman und Hamse
Asylquartier Haus Rieger
bei den Ukrainern: Levon (links) und Valery

Der Alltag im Haus Rieger

Sie putzen und kochen, waschen die Wäsche, haben drei Mal die Woche Deutschunterricht im Haus und ansonsten müssen sie warten. Warten auf das sogenannte Interview bei den Behörden, die klären müssen, ob sie eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten oder nicht. Und bis zum Erhalt des Visums dürfen sie aus gesetzlichen Gründen auch nicht arbeiten. Gertraud Rieger versucht immer wieder Fröhlichkeit zu verbreiten, wohlwissend, dass der Alltag später für ihre Bewohner auch nicht immer fröhlich aussehen wird. Aber sie können ja auch nicht immer nur über Krieg, Vertreibung und Flucht sprechen! Immer wieder erleben Asylwerber auch depressive Phasen und so ist Gertraud Rieger der Überzeugung, sie könne nicht immer nur Trübsal blasen. Zur Abwechslung wird sie diesen Sonntag, den letzten im Jänner, für die Syrer österreichische Küche kochen – Wiener Schnitzel, aber nicht vom Schwein, ist schon fix. Gelebte Einführung in unsere Kultur, denkt sich der Stadtschrei(b)er dabei.

Gertraud Rieger Asylheim
Quartierbetreiberin Gertraud Rieger

„Danke für die schöne Zeit“

Gibt es auch schöne Momente, wotte der Stadtschrei(b)er wissen? Da erhellte sich das Gesicht von Gertraud Rieger. Ja, ein schöner Moment war für sie, als der 41jährige Aziz seine Aufenthaltsgenehmigung erhielt und ein Zimmer in Neumarkt fand (die „Plattform Neumarkt für Menschen“ berichtete bereits über Aziz). Und wenn ehemalige Bewohner des Hauses eine WhatsApp-Meldung schicken „danke für die schöne Zeit“ freut sich Gertraud Rieger ebenfalls. Sie sieht, wie „gewisse Dinge im Leben einen neuen, hohes Stellenwert bekommen, andere hingegen werden völlig unwichtig“. Da fällt ihr auch die Aktion der SchülerInnen der HAK-HAS Neumarkt ein: ein Konvoi mehrerer Pkw rollte auf das Haus Rieger zu – die SchülerInnen hatten Geld für Lebensmittel und Hygieneartikel gesammelt und nun lieferten sie „ihre Ware“ an. Danke an die HAK-HAS SchülerInnen für diese und ihre anderen Aktionen für Asylwerber!

„Ich habe noch niemals Angst gehabt“

Gertraud Rieger ist, wenn sie im Haus ist, unter 28 Männern die einzige Frau. Ob das nicht gefährlich sei, wo man doch „so viel liest“, will der Stadtschrei(b)er wissen? Energisch schüttelt Gertraud Rieger den Kopf. Sie habe sich noch nie in einer bedrohlichen Situation befunden oder Angst haben müssen. Ihre Schützlinge seien höflich und herzlich. Ja, sie kommen auf sie zu und schütteln ihr zum Willkommen die Hand und fragen „wie geht es dir?“. Nachbarn haben ihr auch schon bestätigt, dass die Asylwerber ruhige und höfliche Menschen seien, „sie grüßen immer“.

Asylquartier Haus Rieger
Ali beim Arabisch-Unterricht für Ingrid Hölzl

Auch in der Fremde zeigen sie ihre Gastfreundschaft

In einem der Zimmer saßen Ali aus Syrien und Ingrid Hölzl aus dem Flachgau. Ingrid Hölzl gibt den Asylwerbern normalerweise Deutschunterricht. Doch hier im Haus Rieger sind die Dinge umgekehrt: Ali unterrichtet Ingrid in Arabisch, denn sie hat bereits Kenntnisse in dieser Sprache und möchte diese nun vertiefen.

Während Ali Arabischunterricht gab, Gertraud Rieger dem Stadtschrei(b)er vom Leben im Haus erzählte, setzte sich Mohammed aus Syrien an unseren Tisch, stellte einen Teller mit Obst her, zwei Teller mit Messer (nein, nicht gegen uns gerichtet, sondern fürs Obst!) und bat zuzugreifen. Freundlich dankend lehnten wir ab, da begann Mohammed, einen Apfel zu Vierteln und legte die Spalten auf unsere Teller, lächelte freundlich und meinte „bitte nehmen“! Sie haben 45,50 Euro die Woche zum Leben, aber sie teilen gerne das Wenige mit „ihren“ Gästen!

Mohammed, der uns auf Obst einlud

Der Stadtschrei(b)er verließ bei untergehender Sonne das Haus Rieger und fasste geistig zusammen: Er konnte bisher keine Bettelei in der Stadt orten, auch Russen und Tschetschenen samt angekündigten Kämpfen hatte er bislang nicht erlebt. In der Früh und zu Mittag sieht er Asylwerber als Schülerlotsen, denen oft von Vorbeifahrenden freundlich zugewinkt wird. Er hat im montäglichen Begegnungscafé Lehrer, IT-Fachleute, Landwirte und Unternehmer kennengelernt. Und er hat Menschen so wie Mohammed kennengelernt, die an dem Wenigen was sie haben auch uns Einheimische teilhaben lassen. Kultureller Austausch könnte man das wohl nennen.

Alle 15 Bilder von des Stadtschrei(b)ers Besuch im Haus Rieger hier klicken

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