Franziskus, Johann und Flüchtlinge auf Lampedusa: eine Weyringer-Skulptur

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Franz von Assisi auf Lampedusa von Johann Weyringer
Franz von Assisi auf Lampedusa

Salzburg | Neumarkt am Wallersee | Eine Eule mit weisem Blick, darüber breitet ein Vogel seine Schwingen aus, an der Vorderseite der Skulptur blickt ein Gesicht voll Wehmut und Mitgefühl über Flüchtlinge; es ist das Gesicht des Franz von Assisi, dem der Neumarkter Künstler Johann Weyringer einen mystischen Ausdruck verliehen, hinein gemeißelt, herausgeholt hat.

Ein Ulmenstamm erzählt vom Leid der Flüchtlinge im 21. Jahrhundert

Francesco Giovanni di Pietro Bernardone, genannt Franz von Assisi, lebte vor 800 Jahren und wurde etwa 45 Jahre alt. Der Ulmenstamm lebte wohl im 20. Jahrhundert. Wie alt er wurde, weiß der Stadtschrei(b)er nicht. Jedenfalls fand der Stamm seinen Weg ins Atelier von Johann Weyringer im Jahr 2002. Zwei Jahre plagten dann den Künstler die Gedanken, was er aus diesem über drei Meter hohen Stamm, der fast vier Meter Umfang hat, gestalten sollte. Doch der Stadtschrei(b)er lässt den Meister selbst ein wenig erzählen.

Franz von Asssi auf Lampedusa mit der
Franz von Asssi auf Lampedusa mit der „heiligen Familie“ von afrikanischen Bootsflüchtlingen zu seinen Füßen, rechts das Kind mit dem Heiligenschein

Stadtschreiber: „Der Franz von Assisi auf Lampedusa. Ich habe ja schon gesagt, ich bin darunter gestanden und bin von ihm fasziniert. Wie ist der jetzt entstanden, was war das Erlebnis, was war der Anstoß, waren Sie auf Lampedusa?“

Weyringer: „Der Anstoß war ein ganz besonderer. Wenn man es zusammenbringt, dass man am Morgen…, also ich glaub‘ daran…, wenn ich um etwas bitte, dann wird es mir gegeben. Das ist das Schöne am Älterwerden, dass ich das jetzt so sagen kann. Das hätte ich vor 20 Jahren so nicht gesagt. Verstehen Sie mich?“

Stadtschreiber: „Ja, mir geht es genauso, dass ich jetzt Dinge anders sehe als vor 20 Jahren.“

Weyringer: „Ich habe also einen Ulmenstamm da. Es war, glaube ich 1995, da bin ich mit meiner Frau Dr. Sieglinde Weyringer das erste Mal in meinem Leben in Assisi gewesen. Das war aber nicht so etwas Besonderes, keine Erlebnisse, wie ‚jetzt überfällt mich die totale Gnade‘. Wir waren also miteinander unterwegs und das war an sich a recht a schöne G‘schichte. Das war so eine herzliche Kunstreise, wo wir eben Giotto in der Scrovegni Kapelle in Padua besuchten und eine Runde speziell auf den Spuren der Romanik machten. Dann halt‘ runter nach Assisi. Und in Assisi hab ich mich recht wohl gefühlt.“

Das war also 1995, doch erst 2004 …, Johann Weyringer erzählt weiter:

„…ist mir so die Idee gekommen: aus dieser Ulme mache ich einen Franziskus. Dann habe ich mich mit der Person Franziskus mehr befasst. Das war eine Figur, die immer schon in meinem Leben da war, speziell durch meine Mutter, die ist ja eine sehr tiefgläubige Frau gewesen. Ich habe mir Zeichnungen gemacht, so mit dieser einstürzenden Kirche [Anm.: 1997 wurde Assisi von einem schweren Erdbeben heimgesucht], es gibt ja von mir eine Kapelle, 1988 geweiht in Thalgau-Egg, kennen’s die?“

Stadtschreiber: „Ja, ich kenne vieles von Ihnen.“

Weyringer: „Ja, stell dir das vor! Und da hab ich mir gedacht, ich hab‘ gern große Skulpturen. Das ist aber nur so da gewesen. Da gibt’s Skizzen, was mir so eingefallen ist.“

Leben und Tod stehen auch im Skulpturenpark des Künstlers nebeneinander wie im Leben selbst

Schiffe mit Flüchtlingen, „Maria und Josef“ an Bord, erreichen Neumarkt am Wallersee

„Auf der italienischen Insel Lampedusa kommen die Bootsflüchtlinge aus Afrika an. Dann verliert Europa sie aus den Augen“ ( Zitat: Zeit online, 17. Dezember 2008) war eine der vielen Schlagzeilen im Jahr 2008 von der Flüchtlingswelle, die von Afrika über das Mittelmeer nach Europa schwappte. Dabei ertranken Flüchtlinge, viele erreichten die italienischen Insel Lampedusa, die nur rund 130 Kilometer nördlich von Tunesien liegt. Noch heute ist sie im Brennpunkt der Flüchtlingsströme aus Nordafrika und die Bürgermeisterin dieser kleinen Insel, Giusi Nicolini, kämpft um menschenwürdige Behandlung der dort ankommenden Menschen. Lampudusa ist kleiner als das Stadtgebiet von Neumarkt am Wallersee mit rund 4 500 Einwohnern und es musste mehr als 14 000 Flüchtlinge im Jahr 2014 aufnehmen. Neumarkt am Wallersee beherbergt im Dezember 2015 rund 80 Asylwerber.

Johann Weyringer lässt beim Erzählen seine künstlerische Kraft sichtbar werden

Doch zurück ins Jahr 2008, in dem Johann Weyringer die Idee hatte:

Weyringer:  „Ich fahre gerade einmal wieder nach Wien. Während der Fahrt denke ich an Franz von Assisi. Und da war eine Radiosendung über Lampedusa. Da habe ich mir gedacht: das darf nicht wahr sein, da bin ich stehen geblieben. Da habe ich die Skizzen gemacht: der [Anm.: Franz von Assisi] steht im Wasser und zieht da zwei aus dem Wasser, zwei Schwarze. Daraus ist noch eine Familie geworden mit einem Kind. Dann, wieder daheim, ist mir schon der Gedanke gekommen. Gleich habe ich das Modell gebaut. Und aus dem Modell ist das geworden: die Flüchtlinge, die gerettet werden; aus diesen wurden schließlich afrikanische Skulpturen. Das ist eine Verbeugung auch vor diesen Kulturen, die es zum Beispiel im Kongo gibt. Die hat ja alle inspiriert, Picasso… den ganzen Expressionismus gibt es ja fast nicht ohne diese Kulturinspiration aus dem Kongo. Deswegen habe ich denen auch so ein Gesicht verliehen. Die sind da im Wasser und am Rücken des Franz von Assisi sind die Vogelgeschichten drauf. Und wie ich das Kind geschnitzt hab‘, hat sich durch den Faltenwurf auf einmal der Heiligenschein ergeben. Jetzt ist das wie eine heilige Familie geworden.

Und jetzt war das Nächste, was so nett war. Ich habe einen guten Bekannten, das ist der Dr. Georg Kandutsch aus Kärnten. Das ist ein Mineraloge und Geologe und der ruft mich an, das war 2009 oder war es 2008? ‚Hans was tuast denn grad‘ fragt er – ‚du waost, i hab jetzt grad fertig den Entwurf und i möcht‘ jetzt anfangen. Ich mach an Franziskus und jetzt braucht‘ i an Franziskaner, weil i brauch‘ a Modell, weil i ohne Modell nix mach‘. ‚Hans‘ hat er gesagt, ‚das ist ja ganz interessant, wir haben da einen, der ist auch ein Hobby-Mineraloge und der geht mit mir manchmal Stoana suchen und des is Eucher Pater Guardian, Pater Alexander von den Franziskanern‘, Er hat mir die Nummer gegeben, ich habe ihn dann angerufen, ‚ja‘ hat der gesagt, ‚der Georg hat mir erzählt‘. Ja, er kommt, ‚Sie müssen mich in Salzburg abholen‘, dann ist er mit mir nach Neumarkt gefahren.“


Das Flüchtlingsthema ist aktuell wie eh und je

Und so entstand die monumentale Skulptur „der heilige Franz von Assisi auf Lampedusa“. Am 19. August 2008 hatte Johann Weyringer den Holzblock angerissen, 2011 war das Werk vollendet und steht heute im Skulpturenpark von Weyringer in Neumarkt am Wallersee. Am 19. Juni 2008 konnte man in einer Radiomeldung hören, dass von Jänner bis Mai jenen Jahres 33 000 Flüchtlinge auf Lampedusa gelandet waren.

Die Strahlkraft dieser Ulmenholz-Skulptur könnte sich als Bronzeguss in der Gartenmauer des Salzburger Franziskanerklosters in der Garten der Padres ergießen. Allein, es fehlt noch der großzügige Stifter des doch teuren Bronzegusses. Und so wird Franz von Assisi wohl noch eine Weile seinen Blick mit Wehmut und Mitgefühl in den Skulpturengarten von Johann Weyringer werfen müssen, dem Leid der Flüchtlingsbewegung 2015 gar nicht so entfernt.

Was Franz von Assisi in Neumarkt am Wallersee noch so alles im Skulpturenpark sieht, darüber wird der Stadtschrei(b)er in einer anderen Geschichte erzählen.

Alle Bilder des Stadtschrei(b)ers vom Künstler und seinen Kunstwerken sind in seiner Bildergalerie zu sehen.

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