Die Kunst kann nicht warten, sagt Hans Weyringer

Gepostet am Aktualisiert am

Johann Weyringer Neumarkt am Wallersee
Johann Weyringer in seinem Freiluft-Atelier: eine Christus-Figur entsteht

Er war die letzte Hausgeburt der Familie im Gasthaus Strickner in Sighartstein erzählte der 66-Jährige, dessen künstlerisches Schaffen etwa in jenen Jahren begann, als Udo Jürgens „mit 66 Jahren fängt das Leben“ herausbrachte. Also um 1977. Der Neumarkter Stadtschrei(b)er philosophierte mit dem Künstler Johann „Hans“ Weyringer an einem sonnigen Oktobernachmittag in dessen Atelier.

Skulpturenpark Johann Weyringer
Blick in den Skulpturenpark

Skulpturen-Park, Stein, Holz und Gemälde

„Jetzt zeigt Ihnen die Frau Eder (Anm: Dr. Anna-Maria Eder) meinen Garten und dann treffen wir uns im Atelier. Dann können Sie Ihre Fragen stellen“ meinte Weyringer über eine im Entstehen begriffene Christus-Figur aus Holz gebeugt. Ja, Holz, Ulmenholz und Stein, Osttiroler Serpentinit, zählen zu seinen bevorzugten Materialien. Der Rundgang mit Dr. Eder überzeugte den Stadtschrei(b)er, dass er in diesem Artikel gar nicht alle seine Eindrücke und das Gehörte niederschreiben kann. Dem 3,33 m hohe Franz von Assisi von Lampedusa ins Gesicht blickend, spürte der Stadtschrei(b)er eine starke Energie und wusste, dass er über diese Figurengruppe einen eigenen Artikel ebenso wie über den Skulpturen-Park schreiben muss. Er folgte Dr. Eder in die Ateliers – eines für Skulpturen und große Gemälde und eines für die kleineren Bilder. Dort steht auch ein großer Tisch, von dem man in den Garten auf den Kühberg blickt. Hier trafen sich die beiden Künstler, jener mit Hammer, Meißel und Pinsel mit jenem, der in die Tastatur einer „Schreibmaschine“ klopft und den Auslöser für Bilder drückt.

Johann Weyringer
„Das Mädchen und der Tod“

Eros tanzt mit dem flüchtenden Tod

Neben dem über drei Meter hohen Franziskus steht noch eine ebenso hohe Figurengruppe aus Holz: „Eros tanzt mit dem flüchtenden Tod“, auch „das Mädchen und der Tod“. Inspiriert wurde Weyringer zu dieser Figurengruppe durch eine Zeichnung von ihm, die 2008 entstanden war: „Ars fugitiva – der flüchtende Tod. Sie erhöht den Druck auf die Umwelt. Eine neue Lebensperspektive führt zur Richtungsänderung“ steht unter der Zeichnung. Sie zeigt Eros in Form einer Frau, die einen Pfeil in Richtung des flüchtenden Todes abschießt. Ob sie trifft, lässt die Zeichnung offen. Die Figurengruppe hingegen besteht aus einer weiblichen Figur – Eros -, zwei Gerippen, den Tod darstellend und einer emporzüngelnden Flamme. Einer der beiden Gerippe-Figuren zerrt an einer Hand von Eros, die wild entschlossen sich aus der Umklammerung des Todes abschütteln will.

Was bedeutet der Tod für Hans Weyringer?

Stadtschrei(b)er: „In Ihren Werken kommen oft Engel und Teufel vor, Sie verwenden, wie mir scheint, gerne die Farbe Schwarz und den Tod. Was bedeutet für Sie der Tod?

Johann Weyringer Figurengruppe
Skulpturengruppe „das Mädchen und der Tod“, auch „Eros tanzt mit dem flüchtenden Tod“

Weyringer: „Ja, diese Elemente beschäftigen mich immer wieder. Vielleicht habe ich auch deswegen im Laufe der letzten Jahre diese Zyklen wie Mädchen und Tod geschaffen. Keinen Totentanz, sondern da ist ja eines passiert: Eros hat gewonnen, weil wieder neues Leben entstehen muss, aber der Tod, der kommt ja wieder, weil sonst, wenn er nicht kommt, gäbe es ja auch keine Weiterentwicklung“.

Stadtschrei(b)er: „Darum ist er auch nicht erschossen, sondern nur vertrieben worden?“

Weyringer: „Ja, er ist nur vertrieben worden. Für eine kurze Zeit halt. Und der Gedanke selber? Weißt, wenn das Hirn so voll mit Ideen ist und die Arbeit so gut geht, habe ich ein ganz ein großes Glück, dass mit allem Auf und Ab, mit allem revolutionären Denken, der Glaube, der christliche Glaube, die Auferstehung für mich immer klarer wird. Es ist so, ich begreife es mehr. In diesem Glauben eingebettet, werde ich von etwas getragen, dass ich arbeiten kann, mir die Werkstätte ausbaue, aber im Bewusstsein, und wenn es nur für heute ist, war es richtig, dass ich es gemacht hab. Verstehst, aber da muss man aufpassen, dass sich das nicht so locker redet … [denkt kurz nach]  … wie bewusst kannst du das wirklich auch so leben, das ist.., ha ha…, das ist eine andere Sache, und dann geht’s dir einmal nicht gut, dann merkst, dass die „Pumpe“ nicht mehr so mag, dann kommen schon die Ängste daher: so, jetzt ist es vielleicht wirklich vorbei, gell, und was wäre noch alles zu machen.

der Künstler signiert seine Bücher beidhändig, wobei er mit der linken Hand in Spiegelschrift schreibt

Und das war ja auch ein Erlebnis. Dass ich so ‚a bissl a Urasser‘ bin, mit meinen wilden Arbeitszeiten und so. Ich habe dann letztes Jahr wieder einmal mit meinem Freund Dr. Borst geredet, bei dem ich ja die Herzoperationen 1995 gemalt habe, ein riesiger Zyklus „Herz sieht Licht“. In Hannover im Operationssaal habe ich bei Dr. Hans-Georg Borst, das ist einer der Pioniere der Herzchirurgie, der ist jetzt fast 90 Jahre alt, und schau her, da hab ich schon gewusst: das ist meine Schwachstelle, mein Herz. Der hat immer wieder so auf mich g‘schaut, wenn‘s mir nicht so gut gegangen ist, und letztes Jahr bin ich dann in München zu einem Spezialisten durch ihn gebracht worden. Da sind mir zwei Stents gesetzt worden.

Ich habe schon manchmal Probleme gehabt, wo ich gedacht hab: Du liebe Zeit, jetzt kann‘s auch wirklich aus sein.

die neue Christus-Figur und Johann Weyringer

Und das ist ganz interessant: dass ich dann doch, soweit das geht, richtig damit umgehen gelernt habe. Das Beste für mich ist so a Dauerbelastung in allen Dingen, gell. Das ist interessant: mein Herz verlang‘st, I selber verlang‘s, vielleicht der Eros verlangt es; und das Glück, etwas nachschöpfen zu können. Also jetzt kommt wieder der Glaube im Ganzen und Großen. Das kann ich jetzt präziser sagen. Und auch mit dem Älterwerden, was ganz interessant ist. Man vergisst nicht ganz die Ideale, die man als 25 Jähriger gehabt hat, und hat den Mut, dass man sie sogar noch schärfer auslebt. Aber auch in vielem verzeihender, das bin ich sicher geworden. Weil früher bin i halt einikracht, dann hat es mir halt nachher leidgetan, weil dann denkt man nach und dann denkst … [unterbricht sich] … dann hab ich mich tausend Mal entschuldigt, daweil hat des denen eh nix g‘macht. Zum Beispiel. Das kommt ja auch im Laufe wie man arbeitet, gell.“

Stadtschrei(b)er: „Fängt bei Ihnen – Sie sind heuer 66 Jahre alt geworden – auch erst das Leben an, wie es Udo Jürgens gesungen hatte?“

Ich habe Gelassenheit, ich lasse es auf mich zukommen. Aber nicht die Kunst!

Weyringer: „Ich habe jetzt eine Zeit, die ist fantastisch. Mein Hirn arbeitet so gut, dass ich nicht in die Trickkiste greifen muss. Ich habe Gelassenheit, ich lasse es auf mich zukommen. Aber nicht die Kunst! Die muss raus, wenn sie kommt!

Da hat der Udo Jürgens …[hält inne] … ich bin mir sicher, dass der Mann in diese Richtung auch solche Gedanken gehabt hat. Wie sonst sagt man nicht einfach burschikos „mit 66 Jahren fängt das Leben an“. Denn das war sicher auch sein … denn der hat ja auch genug Sachen gemacht, Lieder geschrieben, besondere Sachen dabei auch.“

Stadtschrei(b)er: „Die Frage ist auch deswegen bei mir gekommen, weil ich bemerkt habe, Sie arbeiten ja sehr viel auch mit Engel, Teufel, mit Schwarz, mit Helligkeit, mit Tod..“

 Erzengel Michael und Teufel, Hans Weyringern
„Der Erzengel Michael (oben) und der Teufel (unten)“, Serpentinit und Stahl

Weyringer: „Ja der Teufel, ‚des is ja der, den i net amal‘ in Mund nehmen mag, aber der wird halt da vom Erzengel Michael besiegt [Anmerkung: in einem seiner Skulpturen im Skulpturenpark]. Das Satanische, das war mir immer fern. Also, wenn ich wirklich auf der Welt vor etwas Angst habe, das traue ich mich sagen, ist es sicher das, was man den Satan, den Teufel, das Böse nennt. Ich fürchte mich vor ganz wenigen Sachen. Ich meine, man fürchtet sich schon immer wieder vor etwas. Aber auch die Angst, dass du selber nichts Böses denkst … und was man macht… [unterbricht sich]… weil das tut ja der Kunst auch nicht gut. Ich habe ja gar kein Interesse, irgendetwas Grausliches zu machen, das stehe ich sowieso nicht durch.

Die Sehnsucht ist ja sicher in mir, zu dem zu kommen – vielleicht – der Weg zum Licht, das ich so hinkomme, das ist sicher der Fall. Ob meine Frauendarstellungen in ihrer Offenheit, dass sich manchmal die Leute direkt schrecken … [lässt das Ende des Satzes offen] … Ja, für mich ist das halt auch ein großes Symbol der Schöpfung, das ist der andere Teil, ich bin halt einmal auch so veranlagt. Ich habe fünf Kinder und fünf Enkelkinder und mir g’fall‘n halt die Weiber, weil‘s halt ein ganz wichtiger Teil ist, das ist halt auch die andere Seite, die mir schon auch eine große Inspiration liefert. Ich meine, sie geh’n mir a mordst am Oarsch, wenn‘s ma lästig werd’n, dann interessiert es mich auch nicht.“

„Die Liegende“, Johann Weyringer

Stadtschrei(b)er: „Mir gefallen „die Weiber“, darf ich das so zitieren?“

Weyringer: „Ja, aber sicher, aber als Schöpfung, verstehst,..“

Stadtschrei(b)er: „Ja, ja, ich reiß‘ es nicht aus dem Zusammenhang.“

Weyringer: „Sie merken eh schon, wenn Sie mir so Fragen stellen, dann san ma dort.“

Stadtschrei(b)er: „Ich will den Mensch Weyringer herausarbeiten, welche Ängste, welche Freuden, …“

Weyringer: „…Ich muss bald weg, aber wir nehmen uns jetzt locker no a viert‘l Stund‘ Zeit oder sonst kommen‘s halt noch einmal vorbei. Nur weiter mit die Fragen, jetzt wird es schon a bisserl philosophisch.“

 

Ja, und hier endet des Stadtschrei(b)ers erster Teil des Interviews mit dem spannenden Menschen „Hans Weyringer“. Der Stadtschrei(b)er hat sich bemüht, die Authentizität der persönlichen Ausdrucksweise des Künstlers zu erhalten.

Bilder von Johann Weyringer, seinem Skulpturenpark und seinen Ateliers  …siehe diesen Link

Literatur:  „Johann Weyringer 1970 – 2004

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